Interview: Gott spielen mit Adam Green

Adam Green, das enfant terrible des Antifolk, hat wieder Großartiges vollbracht. Nach zahlreichen Soloalben und Touren, zwei Filmen und Kunstinstallationen, veröffentlicht er am 06. September nicht nur sein neues, mit 22 Minuten sehr kompaktes, Album Engine of Paradise, sondern auch passend dazu die Graphic Novel War in Paradise. Wir hatten im Vorfeld die Möglichkeit, in Berlin mit Adam über seine Kunst, seine Wünsche und seine Interpretation des Paradieses zu sprechen.

Adam Green sitzt in einem bequemen Sessel und isst Weintrauben. Mit dem hellen Hemd, der dunkeln Stoffhose und den Lederschuhen ist er das perfekte Abbild eines modernen Bohemiens. Seine dunklen Locken hüpfen, als er zur Begrüßung aufsteht und die Hand reicht. Adam Green ist für zwei Promotage in Berlin und hat bereits einen Interviewmarathon hinter sich. Das letzte Interview ist für mich reserviert. Und es gibt viel zu besprechen. Das Minialbum Engine of Paradise verzückt mit klaren Linien, wundervoller Musik sowie verträumten Texten und passt inhaltlich sowie stilistisch perfekt zu der kunterbunten Graphic Novel War in Paradise. Aber zuerst gilt es zu eruieren, was Adam Green so in der Hauptstadt gemacht hat. Hat er Voodoo Jürgens aka David Öllerer gesehen, mit dem er spätestens seit dem Gig im Gasometer 2017 befreundet ist?

Adam Green: Nein, leider nicht. Aber ich habe ihn in New York getroffen und ihm eine tolle Bar gezeigt, das hat ihm sehr gut gefallen. Hier in Berlin war ich am ersten Tag im Grimaldi Forum- Wahnsinn, was dort alles ausgestellt ist! Eine unfassbare Kollektion!

MusiCandy: Bei deinem Auftritt in Wien hast du in deiner Liveversion von „Jessica“ „Kokomo“ von den Beach Boys integriert.

Adam Green: Ich habe um 2003 rum sogar ein Cover von “Kokomo” aufgenommen. Das müsste auf der “Jessica”- Single drauf sein. Ich liebe diesen Song. Meine erste Erinnerung daran ist, dass der Song im Radio lief, als wir mit dem Auto fuhren und alle waren so happy und gut drauf. Ich habe den Kontext nicht verstanden, aber ich dachte mir, dass das ein echt cooler Hit für Erwachsene ist. Da habe ich zum ersten Mal bewusst Kinder- von Erwachsenenmusik unterschieden.

Interview mit Adam Green in Berlin

MusiCandy: Wie du schon sagtest, der Song macht instantan happy. Beschreiben die Beach Boys eine Utopie?

Adam Green: Auf jeden Fall. Da gibt es mehrere Ansätze. Zum Einen ist es für Amerikaner unfassbar bequem, in der Karibik Urlaub zu machen. Es ist nicht so weit und auch nicht so teuer. Ich war auf sämtlichen Inseln, St. Thomas, Jamaica, Barbados… typischer New Yorker Urlaub. Zum Anderen sind die Menschen im Song quasi im Paradies eingefroren, haben all diese Margaritas, geben sich ihren wildesten Träumen hin. Meine Urgroßmutter lebte in Florida in so einem Rentnerkomplex, der da ziemlich nah rankam. Es ist schon ein bisschen wie der Paradise Beach in meinem Buch.

Die Überleitung ist gelungen. Im Jenseits der sonst so düsteren Regular World des Comics gibt es eine ekstatische Szene am Strand des Paradieses, in der sich die Wesen vollkommen ihren Lüsten und Fantasien hingeben. Die Umkehrung der Regularien und Zwänge im Diesseits.

MusiCandy: Darauf wollte ich hinaus. Du beschreibst in War in Paradise aber eigentlich eine Dystopie.

Adam Green: Ich versuche die Zukunft im Buch optimistisch zu halten, aber es gibt nun mal sehr viele Anhaltspunkte, dass die bevorstehende Zeit ziemlich düster wird. In War in Paradise arbeiten alle für das Internet und das Jenseits ist digital. Technologie hat einen übermäßigen Stellenwert. Ich denke auch, dass es realistisch ist, dass, wie im Buch, die Arbeitslosenquote in den nächsten zwanzig Jahren weiterhin drastisch ansteigen wird. Das ist ziemlich beängstigend. Die Menschen fühlen sich nutzlos und nicht gebraucht, können ihre Familie nicht ernähren. Das ist schon hart. Aber vielleicht regeln sich manche Dinge auch noch. Mir gefällt auch der Gedanke, dass wir alle nur zehn Sekunden davon entfernt sind super happy zu sein. Oder eben zehn Tage davon entfernt, uns gegenseitig aufzufressen, weil wir Hunger haben. Wir sind in der Gegenwart gefangen und müssen das Beste daraus machen. Wir können nur den Augenblick leben und hoffen, dass jemand diesen Trip mit uns macht. Es ist verdammt gruselig da draußen. Und in uns drin? Da ist manchmal nichts, manchmal ist da nur Leere. Das ist auch eine harte Erkenntnis.

Der harten Erkenntnis steuert Green mit seiner bunten Aufmachung und einer leichtfüßigen Jingle-Jangle Platte entgegen, die parallel zum Buch erscheint und mit ihm Hand in Hand geht.

MusiCandy: Wenn man das neue Album Engine of Paradise zum Comic hört, wird diese ganze Dystopie aber in schöne, harmonische Klänge verpackt und es passt wie die Faust aufs Auge. Man ertappt sich dabei, vom „Soundtrack“ zu sprechen. War das denn überhaupt so gemeint? Inhaltlich passt es ja schon zusammen und die zentralen Themen stimmen überein.

Adam Green:  Ich habe an einer Menge Songs gearbeitet und gefiltert, was ich als Soundtrack verwenden kann. Ich wollte, dass die Gefühle und die Stimmung, die bereits in diesem Projekt steckten, auch in den Songs widergespiegelt werden. Es ist also kein Zufall. Ich dachte, ich mache einen Film daraus. Natürlich ist die Idee, einen Soundtrack zu einem Comic zu machen, total lächerlich *lacht* Es ist zumindest sehr unkonventionell und wahrscheinlich der erste Soundtrack zu einer Graphic Novel. Sagen wir so: Es passt zusammen, aber man braucht das Eine nicht, um das Andere zu verstehen.

Interview mit Adam Green in BerlinMusiCandy: Wie wäre es denn mit einem Musical? Film, Buch, Songs und Installationen hast du ja schon gemacht.

Adam Green: Hm…interessante Idee. Also wenn, dann wäre es wohl etwas Bestehendes, aus dem ich ein Musical machen würde. Aladdin oder War in Paradise. Ich sehe mich nicht etwas komplett Neues mit dem Hintergedanken eines Musicals zu entwerfen. Ehrlichgesagt mag ich die klassischen Musicals überhaupt nicht. Diese Person, die –Adam Green stimmt ein Liedchen an- singt, was sie gerade deeeenkt. Das fühlt sich für mich nicht richtig an, ich mache das gerne ein bisschen subtiler. Ich würde durchdrehen, wenn ich unter der Prämisse Songs schreiben müsste. In meinen Songs möchte ich ein Gefühl rüberbringen, mit der Stimmung und den Worten und nicht mit plakativen Aussagen, welche Emotionen gerade transportiert werden. Das ist ein anderer Ansatz. Aber manche meiner Songs würden wahrscheinlich gut für ein Musical passen.

MusiCandy: Ich könnte es mir trotzdem gut vorstellen. Es muss ja kein konventionelles Musical sein, sondern ein Projekt, das unter dem Namen Musical läuft, aber eben auf deine Weise. Ein Piece of Art. Du hast ja auch eine Pappmaché Installation für das Museum of Pizza gemacht.

Adam Green: Ganz ehrlich, wenn ich ein Funding hätte, würde ich das machen. Als Exempel würde ich den Aladdin Film anführen, diese Pappmaché-Welt wäre auch, wie ich War in Paradise umsetzen würde. Ein Pappmaché Kriegsfilm. Abgefahren. Aladdin war für mich als Künstler super befriedigend, aber es hat natürlich keinen kommerziellen Wert. Keiner würde in sowas investieren, der Film ist auf youtube für jeden zugänglich. Für das Museum of Pizza habe ich den Paradise Beach aus War in Paradise zum Pizza Beach umfunktioniert. Das war super! Im Video zu Freeze my love sieht man den Entstehungsprozess dazu. Aber die haben mir auch ein Budget gegeben, um das umzusetzen. Sowas wird immer rarer. Es gibt immer weniger Mittel für Kunst und solche Projekte. Es geht mir als Künstler ja gar nicht darum, besonders reich zu werden, aber ich habe eine Familie, die ich ernähren muss. Die Entwicklung momentan ist dahingehend, dass Kunst für das private Notizbuch entsteht, weil keiner mehr in Kunst investieren will. Aber wer will schon für die Schublade schreiben. Ein bisschen Wertschätzung muss schon sein. Es scheint, als wäre einfach kein Platz mehr für Kunst. In den Herzen der Menschen schon, aber nicht in der Gesellschaft. Es kann ja nicht sein, dass ich als Künstler mehr Zeit aufwenden muss, um ein Musical finanzieren zu können, als am Musical selbst zu arbeiten. Das ist frustrierend und limitiert auch meine Optionen für Kunst. Das Pflaster wird immer härter. Ich kann mich nicht beschweren. Kein Künstler macht die Kunst wegen des Geldes. Aber es ist schon bezeichnend, dass die Galerien, die in meiner Umgebung schließen, nicht durch neue ersetzt werden. Irgendwann gibt es dann halt keine mehr.

Hello money my old friend, es ist doch überall dasselbe….

Interview mit Adam Green in Berlin

MusiCandy: Lass uns wieder über dein Buch sprechen.  Aladdin und War in paradise spielen ja in derselben Welt: Regular World

Adam Green: Ja, es gibt immer wieder Parallelen, ich schaffe Archetypen. In meiner e-history Welt ist Super Mario, oder Turbo Marco bei mir, der Jesus von Nintendo und der Avatar der Menschheit. In meiner Geschichte, die in der Zukunft spielt, erinnern sich die Menschen nicht mehr an  Mario als historische Person. Jeder hat eine verpixelte Identität und er ist eben der allererste.

MusiCandy: Deswegen wurde er ja auch gekreuzigt! Er hat sich für alle anderen geopfert.

Adam Green: Ja, für die –er fällt ins Deutsche- Menschlichkeit! Oder was heißt Mankind?

MusiCandy: Menschheit

Adam Green: Mänsch-hait!

Wieder was gelernt!

MusiCandy: In dem Buch, sowie im Film, gibt es auch einen Typen, der aussieht wie Kurt Cobain von Nirvana und im Buch singt er come as you are- aber im Präteritum! Was hat es damit auf sich?

Adam Green: Das ist tatsächlich eine Kunstfigur von meinem Freund Toby Goodshank, der auch am Buch mitgearbeitet hat. Ich habe das Buch mit ihm und Tom Bayne illustriert. Wir saßen also sechs Monate lang, drei Nächte pro Woche an meinem Küchentisch und haben Billy Joel gehört… Adam reißt die Augen auf, als wäre es selbst für ihn eine Überraschung. Jedenfalls hat Toby diese Figur, die er Kurt Cobained nennt und die Nirvana Songs singt- aber eben im past tense! Dieser Typ im Buch ist also ein Cameo Auftritt von Tobys Kurt Cobained.

MusiCandy: Und im Film steht er vorm Snintendo Label Headquarter und singt auch!

Adam Green: Ja, es gibt so viele sich wiederholende Dinge, weil es eben im selben Universum spielt. Es macht Spaß, seine eigene Welt zu haben. Ich hoffe, eines Tages wird es zu einer virtual reality! Wenn man in Regular World rumlaufen könnte und alle Charaktere treffen. Bagel Heart kommt auch öfters vor, in Aladdin sitzt er im Ferrari. Bagel heart ist meine Art, mich mit meiner jüdischen Identität zu verbinden. Er kommt ab und zu raus und gibt mir kluge Ratschläge, wenn ich sie brauche. Wie ein kleiner, jüdischer Yoda. Aber er sagt nicht immer das, was ich hören will! Er kann auch ein ganz schönes Arschloch sein.

Und jeder gibt ihm weise Lehren, die gut gemeint und bös zu hören… das ist wohl religions- und völkerübergreifend! Was sich liebt, das neckt sich! Womit sich auch die nächste Frage aufdrängt. Im Buch sowie im Film gibt es eine vordergründig lustige, aber eigentlich gar nicht so lustige Aussage. Einer der Protagonisten sagt zum anderen: „I love you!“ Und bekommt als Antwort: „That’s nice!“ Das ist überhaupt nicht nett. Liegt dem Ganzen ein Trauma zugrunde?

Adam Green: Tatsächlich ist mir das selbst passiert! Am Sterbebett eines Verwandten sagte ich: “Ich liebe dich” und bekam als Antwort: “Das ist nett!”

Betretenes Schweigen auf beiden Seiten… schnell weiter zur nächsten Frage!

Interview mit Adam Green in Berlin

MusiCandy: Wird es mehr Geschichten aus der Regular World geben? Dein Kopf ist doch bestimmt voller Ideen!

Adam Green: Ich möchte ein Gedicht schreiben! Ein mittelalterliches Gedicht. Ein richtig langes. Meine Frau, die schon am Buch mitgearbeitet hat, hilft mir dabei und es wird echt umfangreich, aber gut! Im Hinblick auf das dunkle Zeitalter passt das ja auch wieder, einen dystopischen Ausblick auf die Zukunft zu geben. Es verschwimmen quasi die Muster des Mittelalters mit der Zukunft und vereinen sich in einem großen Werk. Momentan sind wir mitten im Editierungsprozess und ich freue mich schon darauf, es präsentieren zu können.

MusiCandy: Hast du einen besonderen Bezug zur Mediävistik?

Adam Green: Ja, ich habe viel gelesen und mich viel damit befasst. Ich war in vielen Ausstellungen und Museen. Ich nehme viel Bezug auf mittelalterliche Dinge, was nicht bedeutet, das damalige Versmaß einzuhalten. Ich möchte für mich selbst einen schamanischen Prozess initiieren und den Menschen meine Vision davon zeigen.

MusiCandy: Du hast so viel künstlerische Finesse und Talent, wenn man deine graphic novel aufschlägt, findet man auf jeder Seite garantiert ein Zitat, das eine wirkliche Lebensweisheit beinhaltet.

Adam Green: Das wollte ich damit auch erreichen. Ich schreibe die ganze Zeit. Ich habe unendlich viele Notizen. Aber ich denke auch über so viele Dinge nach. Und wenn ich mich dann an ein Werk setze, teile ich erstmal meine ganzen niedergeschriebenen Gedanken in Kategorien ein und unterteile sie. All diese Fragmente spiegeln sich in den Charakteren im Buch wider, das bin alles ich in gewisser Form. Durch sie drücke ich verschiedene Aspekte meiner Gedankenwelt aus. Man muss immer die richtige Kanalisierung für die Gedanken finden und das dauert Jahre. Eine Figur in meinen Werken entsteht nicht über Nacht. Sie reift und wächst, so wie ich.

MusiCandy: Ich dachte, vielleicht bist du ja Gott und willst uns durch deine Werke mitteilen, was wir zu tun und wie wir zu leben haben.

Adam Green: Haha, ein bisschen fühle ich mich auch so. Wenn Menschen etwas lesen, was sie berührt, denken sie immer, es kommt aus einer anderen Dimension. Ich möchte die Brücke zu dieser anderen Dimension sein, ich nehme auch Sachen auf, befolge sie und wandle sie wieder um. Und es kommt mir auch so vor, als würden mir Gedanken von einer höheren Macht eingeflößt werden, die ich dann artikuliere und in die Welt hinaustrage, nachdem ich sie aufgeschrieben habe. Dann denke ich mir zuweilen, wie viel Glück ich habe, davon zu leben, anderen Leuten zu erzählen, was die Stimmen in meinem Kopf mir sagen!

 

Redaktion und Fotos: Désirée Pezzetta

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